In Rollstuhltechnik

Was sind die wichtigsten Teile an einem Elektrorollstuhl? Der Sitz ist sehr wichtig! Der Rollstuhl muss fahren, also gehören zu den wichtigen Teilen die Steuerung, die Motoren und die Batterien. Und genau um die geht es heute, um die Batterien in einem Elektrorollstuhl.

Ich versuche heute mal, etwas Licht ins Dunkel bringen und schreibe etwas über Unterschiede von Batterien, Typen und technischen Angaben. Und ich verspreche, ich werde diesen Beitrag so einfach wie möglich zu halten.

Welche Typen (Arten) von Batterien werden/wurden überhaupt in Elektrorollstühlen verwendet?

 

Die Nass-Batterie

Ich behaupte jetzt mal: Das sind die Batterien in den Elektrorollstühlen von früher! 😉

Nein, im Ernst, ich kenne keinen aktuellen Rollstuhl, der noch mit Nass-Batterien verkauft wird. Wenn jemand noch einen aktuellen kennt, würde ich mich freuen, wenn ihr den in den Kommentaren unten erwähnt.

Nass-Batterien haben eine recht gute Leistung und sind sehr, sehr günstig. Warum werden sie dann heutzutage nicht mehr verwendet?

Ganz einfach, diese Batterien sind nicht wartungsfrei und nicht auslaufsicher. Man erkennt diese Batterien sehr gut an den kleinen Schraubverschlüssen, die sich oben auf der Batterie befinden. Genau dort muss man regelmäßig destilliertes Wasser nachfüllen, da die Batterien nicht komplett geschlossen sind. Das Wasser wird beim Ladevorgang verbraucht und muss darum nachgefüllt werden.

Wenn das Wasser verbraucht wird, muss es ja irgendwo hin. Beim Ladevorgang entstehen Wasserstoff und Sauerstoff, diese beiden Gase entweichen aus der Batterie in die Luft.

Das ist übrigens der Grund, warum gerade bei dieser Rollstuhl/Batterie Kombination in den Gebrauchsanweisungen so etwas stand wie: „Nur an gut belüfteten Orten laden“.

Wasserstoff und Sauerstoff sind zwei sehr entzündliche Gase, die will man aus gutem Grund nicht in einem Raum haben, in dem vielleicht auch noch ein Heizlüfter steht.

Das Wasser, das ursprünglich mal in die Batterie gefüllt wurde und immer wieder nachgefüllt werden muss, bleibt übrigens kein Wasser. Es wird zu einer Säure und damit kommen wir zum nächsten Nachteil. Wenn man die Batterie auf die Seite kippt, fließt Säure an den Entlüftungsmöglichkeiten aus der Batterie heraus.

Mit einem Rollstuhl, der diese Batterien hat, war verreisen mit dem Flugzeug gar nicht möglich, da die Fluggesellschaften aus den oben genannten Gefahren diese Batterien vom Transport ausschließen.

Nass-Batterien sind im Grunde also ganz gute robuste Batterien, aber für einen Rollstuhl nicht mehr zeitgemäß.

 

Die Gel-Batterie

Ein ganz entscheidender Unterschied zwischen einer Gel- und einer Nass- Batterie ist, dass die Gel Batterie eine geschlossene Bauweise besitzt, im Gegensatz zu der offenen Bauweise der Nass-Batterie.

Die Gase, die selbstverständlich auch hier beim Ladevorgang entstehen, werden innerhalb der Batterie durch eine Reaktion in Wasser umgewandelt. Man braucht hier nichts nachfüllen, sie ist geschlossen, und somit sind Gel-Batterien wartungsfrei.

Gel-Batterien haben einen weiteren Vorteil, durch ihren Aufbau findet keine sehr große Selbstentladung statt. Das bedeutet, wenn der Rollstuhl nicht benutzt und nicht geladen wird, hält er länger durch, bis er komplett entladen ist.

Der Name Gel-Batterie, kommt übrigens wirklich daher, dass sich im Inneren eine gelartige Substanz befindet, in der die Batterieflüssigkeit gebunden ist.

Gel-Batterien sind – meiner Meinung nach – aktuell die zuverlässigsten Batterien für Elektrorollstühle.

 

Die AGM-Batterie

Die jüngste Variante in der Kategorie „Bleiakkus“ ist die AGM-Batterie. Die AGM-Batterie gehört ebenfalls zu den geschlossenen, wartungsfreien Batterien. Bei richtiger Lagerung sind sie sehr unempfindlich gegen Selbstentladung. Besonders wichtig ist dabei die Temperatur, sie sollte 20 Grad nicht übersteigen und 10 Grad nicht unterschreiten.

Qualitativ, vor allem auf Grund ihrer Ladezyklen, würde ich die AGM-Batterie unterhalb der Gel-Batterie einordnen. Da sie aber etwas günstiger als Gel-Batterien sind, werden sie sehr gern in Rollstühlen verbaut.

 

Die Lithium-Ionen-Akkus

Diese Akkus sind aktuell die modernsten Batterien für Rollstühle. Sie sind leichter und kleiner als die vorher beschriebenen Batterien und sehr leistungsstark.

Sie werden allerdings nicht überall verbaut, man findet sie zur Zeit überwiegend bei den Zusatzantrieben und weniger bei richtigen Elektrorollstühlen. Der Grund dafür ist in erster Linie der höhere Preis.

Bei Zusatzantrieben werden die höheren Kosten akzeptiert, da diese Akkus für Zusatzantriebe viele Vorteile mit sich bringen. Das Gewicht spielt hier eine große Rolle und noch wichtiger ist die kleinere Bauweise. Bei Zusatzantrieben sind die Akkus häufig direkt im Rad verbaut, dort ist natürlich nicht sehr viel Platz und auch das Gewicht ist sehr entscheidend. Selbst wenn der Akku nicht im Rad verbaut ist, sondern irgendwo am manuellen Rollstuhl platziert wird, gelten dort ähnliche Anforderungen.

Etwas anders ist es bei Elektrorollstühlen. Klammern wir mal transportable oder faltbare E-Rollstühle aus, ist der Vorteil des geringeren Gewichts und der kleinere Platzbedarfs noch nicht so groß für die Hersteller, dass ein höherer Preis akzeptiert wird.

Im Gegenteil! Die herkömmlichen Batterien sind bei allen E-Rollstühlen so platziert, dass sie einen positiven Einfluss auf den Schwerpunkt des Rollstuhls haben. Das heißt, ihr hohes Gewicht wird dazu genutzt, den Rollstuhl auf Steigungen nicht umkippen zu lassen. Würde man leichtere Lithium-Ionen-Akkus verbauen, wären unter Umständen zusätzliche Gewichte im Chassis notwendig oder die max. Steigfähigkeit würde herabgesetzt werden.

 

C5 oder C20?

Auf Bestellblättern, in Gebrauchsanweisungen und anderen Dokumenten taucht im Zusammenhang mit der Batterie immer wieder dieser Wert auf: C5 / C20

Dort steht dann sowas wie:

  • Gel 53Ah (C5)

oder

  • Gel 62Ah (C20)

Sind diese beiden Angaben von unterschiedlichen Batterien? Nein! Sie bezeichnen exakt die gleiche Batterie, nur die Betrachtungsweise ist etwas anders.

Was heißt das jetzt genau?

Die komplette Bezeichnung sagt:

Das ist eine Gel-Batterie mit einer Batteriekapazität von 53Ah (Ampere-Stunden). Die Angabe sagt, wie viel Strom in der Batterie gespeichert ist. Man kann also einfach sagen: das ist der Inhalt der ganzen Batterie.

Das C5 bezeichnet die Entladezeit, hier also 5 Stunden.

Diese Batterie kann also theoretisch einen Strom von:

  • 10,6A über 5 Stunden abgeben

oder

  • 3,1A über 20 Stunden abgeben

Man kann das vielleicht mit einem Läufer vergleichen. Wenn er sehr schnell läuft, kann er nur 5 Stunden laufen. Läuft er langsam, kann er 20 Stunden laufen und kommt dadurch sogar noch 9 km weiter.

Warum geben die Hersteller unterschiedliche Werte an? Der eine C5 und der andere C20? Ganz einfach: Marketing! Wenn der eine 62Ah angibt und der andere nur 53Ah, sieht das für den ersten doch viel besser aus. Ihr wisst jetzt, es ist nicht so!

Ohne den C-Wert, kann man den Wert der Batteriekapazität nicht mit einer anderen Batterie vergleichen.

In Kombination mit einem Rollstuhl ist beim C20 Wert noch etwas faul. Wie schon erwähnt, beschreibt er eine Dauer von 20 Stunden Entladungszeit. Wer ist mit seinem Rollstuhl 20 Stunden unterwegs?

Der „ehrlichere“ Wert ist also der C5. Er liegt viel näher an der Realität.

Je nach Gesamtgewicht benötigt ein E-Rollstuhl auf gerader Ebene einen Strom zwischen 8A und 15A. Das liegt also ungefähr in dem Bereich, was die Batterie, die oben beschrieben ist, in 5 Stunden dauerhaft abgeben kann.

Soviel zu der Technik und einigen technischen Werten.

 

Fazit

Was kann man jetzt für die Praxis mitnehmen?

Es macht Sinn, für seinen eigenen Rollstuhl, die bestmögliche Batterie zu wählen, wenn unterschiedliche Batterien vom Hersteller angeboten werden.

Elektrorollstuhl:

Hat man die Wahl zwischen AGM und Gel, würde ich immer die Gel-Batterie wählen.

Gibt es unterschiedliche Batteriekapazitäten, würde ich die größtmögliche nehmen, denn die hat die höchste Reichweite.

Bekommt man die einfach so vom Kostenträger weil man sich diese Batterie wünscht? Nein!

Da muss man schon etwas argumentieren!

Man sollte dem Kostenträger klar machen, dass:

  • Eine Gel-Batterie eine höhere Lebensdauer hat
  • Eine Gel-Batterie seltener kaputt geht, als eine AGM-Batterie
  • Man eine große Batteriekapazität benötigt, weil man große Strecken zurücklegen muss (zum Arzt, zur Physio, etc.)
  • Man eine große Batteriekapazität benötigt, weil man im hügeligen Gelände wohnt, oder eine große Steigung auf dem täglichen Weg hat
  • Man eine große Batteriekapazität benötigt, weil man selber sehr viel wiegt. Der Norm-Reichweiten-Test wird mit einem Benutzergewicht von 100 kg gemacht
  • Man eine große Batteriekapazität benötigt, weil man die elektrischen Verstellungen sehr häufig benutzt, zum Beispiel zur Dekubitus-Prophylaxe

 

Transportabler Elektrorollstuhl oder Zusatzantriebe

Bei dieser Rollstuhlkategorie verhält es sich etwas anders als bei dem gerade beschriebenen herkömmlichen Elektrorollstuhl. Wer solch einen Rollstuhl hat, möchte ihn vielleicht auch häufiger verladen und transportieren. eine große und schwere Batterie wäre dabei hinderlich. Aus diesem Grund sollte man eine eher kleinere und leichtere Batterie wählen. Bei den Zusatzantrieben werden fast nur noch Lithium-Ionen-Akkus angeboten, was dafür auch der ideale Fall ist.

 

Anzeigen von 3 Kommentaren
  • Holger Meyer
    Antworten

    Die C5 oder C20 Angabe hat NICHTS mit Markting zu tun. Und sie hat durchaus auch beim Rolli ihre Berechtigung. So würde ich bei jemandem der den Rolli überwiegend zuhause nutzt und zum Beispiel eine Umfeldsteuerung oder einen Sprachcomputer mit Strom versorgen muss eher auf eine möglichst hohe C20 Angabe achten. Klar bei normalem Außenbetrieb ist die C5 maßgeblich.

    Ich finde es schade das du eine sehr wünschenswerte aber bisher kaum verbreitete Batteriesorte nicht erwähnt hast. Die LiFePO4 Batterie hätte im Rollstuhl riesige Vorteile. Sie hat je nach Nutzung die 3 bis 4fache Zyklen-Zahl, ist sogar schnell-Ladefähig und hoch belastbar. Dazu kommt das sie 1/3 leichter ist als eine Bleibatterie. Ich würde mir wünschen das die Rollihersteller langsam mal auf diese (im Gegensatz zur LiIon-Batterie) völlig sichere Batterie-Technik aufmerksam werden.

    • finanzrolli
      Antworten

      Hallo Holger,
      Danke für deinen Kommentar, finde ich gut was du anmerkst.
      Ich würde da gern noch etwas zu ergänzen:
      C5/C20: Du sagst für jemanden der den Stuhl drinnen mit anderen Hauptverbräuchern nutzt, lieber einen hohen C20 Wert. Nun ja, wenn der C20 hoch ist, steigt auch der C5! Von daher ist relativ gesehen, egal welchen Wert du betrachtest. Sie steigen relativ zueinander. Und da der Haupt Stromfresser die Motoren sind, schaffst du es eh kaum die Batterien mit einer Umfeldsteuerung leer zu saugen.
      Das die Werte zwischen den Firmen als Marketing Werkzeug verwendet werden, stelle ich trotzdem weiter in den Raum 😉
      Lithium-Eisenphosphat:
      Richtig ich habe sie nicht erwähnt, da ich nur Akkus beschrieben habe, die aktuell in Rollstühlen verbaut werden.
      Ich gebe dir recht, sie hat einige Vorteile, so wie andere Batterien auch.
      Sie hat aber auch Nachteile die man berücksichtigen sollte.
      Viele Grüße
      Sascha

  • Gerd
    Antworten

    Der maximale Entladestrom erhöht sich bei einer Parallelschaltung von (Lithium-)Akkus. Somit sehe ich keinerlei Argumente gegen Lithium-Akkus außer dem Preis.

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